Wir leben in einer Klaviergesellschaft

Das beliebteste Instrument unter Musikschülern ist und bleibt seit Langem das Klavier. Selbst die Gitarre nimmt den zweiten Platz nur mit großem Abstand ein. Die Hände von Musikschülern erlernen die musikalischen Grundlagen meistens an den Tasten. Dieser „Sieg“ des Klaviers ist jedoch nicht selbstverständlich. Unter den vier beliebtesten Instrumenten (Klavier, Gitarre, Violine und Blockflöte) ist das Klavier das jüngste. Das relativ kompakte Pianino ist erst gut 200 Jahre alt. Zudem ist es noch immer teuer und nur schwer zu bewegen, kann also in der Regel nicht zu verschiedenen Musiktreffen mitgebracht werden.

Musikinstrument und Möbelstück

Warum also wurde das Klavier zu einem der am weitesten verbreiteten Instrumente in der Gesellschaft? Oder anders: Warum stellen sich mehr Menschen ein großes Musikmöbelstück in die Wohnzimmer, anstatt beispielsweise durchweg ein handlicheres Instrument wie eine Flöte zu erlernen? Die Antwort steckt bereits in diesem Gegensatz. Dadurch, dass das Klavier nicht nur Instrument, sondern auch Möbelstück ist, dient es als Sammelstelle für das Musizieren. Wer ein Klavier in seinem Haus stehen hat, zeigt nach innen und nach außen, dass hier die Musik buchstäblich einen Platz hat.

Der Siegeszug des Klaviers

Das Klavier war seit seiner Entstehung schon immer Instrument und Statussymbol gleichzeitig. Aufgrund seiner komplexen Mechanik und aufwendigen Herstellungsart setzte es sich zuerst in den oberen Gesellschaftsschichten durch. Klavier zu spielen gehörte schnell zum guten Ton der obersten Schichten. Durch den wirtschaftlichen und auch musikalischen Aufschwung im 19. Und 20. Jahrhundert stieg das Interesse an dem Instrument in der breiten Bevölkerung immer mehr. Wer sich den Besuch von Konzerten leisten konnte, wollte auch schnell selbst musizieren. Das Klavier wurde zum Symbol des bürgerlichen Wohlstands, in mittelständischen Haushalten war es immer mehr zu finden.

Die Rolle des Klaviers als bürgerliches Hausinstrument

Der Soziologe Max Weber schrieb bereits vor 100 Jahren von der besonderen Bedeutung des Klaviers als „bürgerliches Hausinstrument“. Für ihn ist die Rolle des Klaviers als Möbelstück genauso prägend wie die Funktion als Instrument. Mit einem Klavier kommt gleichzeitig ein Gemeinschaftsgefühl in den eigenen Haushalt. Durch die Tatsache, dass es eben nicht so einfach bewegt wird und jedes andere Instrument begleiten kann, wird das Klavier selbst zum Sammelpunkt und zum Konzertort. Es möchte in den Wohnzimmern und direkt im Alltag gespielt werden.

Auch heute kommt es regelmäßig vor, dass ich für meine Klavierstunden in Düsseldorf in die Wohnzimmer der Schülerinnen und Schüler komme. Die Instrumente, die dort stehen sind selten nur für den Schüler oder die Schülerin da, sondern ein Instrument für alle Generationen. Das Klavier gehört zur Familie.

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